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Willy Burkhard schreibt über die Entstehung des Oratoriums
'Das Gesicht Jesajas'

     "Schon seit Jahren war ich, halb bewusst, halb unbewusst, auf der Suche nach einem Text für ein grösseres Chorwerk. Ich wandte mich vorerst der neueren Dichtkunst zu, konnte aber kein Werk finden, das meinen Wünschen entsprochen hätte. Die meisten Dichtungen schienen für ein Chorwerk zuwenig ein Ganzes zu erfassen: Sie waren teilweise zu sehr nach einer gewissen Richtung hin spezialisiert, wieder andere waren formal so "endgültig" gefasst, dass mir zur Vertonung die nötige Bewegungsfreiheit gefehlt hätte.

     Da kam die grosse Überraschung: Ich las im Propheten Jesaja und fand plötzlich den Weg zur Erfüllung meiner Wünsche vorgezeichnet. Die Hauptideen des Jesaja: Untergang und Verderben des Ungesunden, Unwahren; Hoffnung auf Abklärung des gegenwärtigen chaotischen Zustandes; Ahnung einer neuen Weltordnung; Friede, Erlösung, Befreiung, Überwindung, jene religiösen Kräfte, die dem geistigen Leben trotz Enttäuschungen und Rückschlägen zu jeder Zeit einen mächtigen Impuls gegeben haben - diese Hauptideen, bilden sie nicht einen Querschnitt durch unsere Zeit, durch unser geistiges Leben? Vielleicht nicht in unsern Worten ausgedruckt, aber in welch wahrhaft plastischer Sprache, aus der die Wahrheiten mit fast greifbarer Gegenständlichkeit hervortretend. Mein Entschluss war bald gefasst: Diese grossartigen Visionen des Jesaja mussten die Grundlage bilden zu dem geplanten Chorwerk. Und sie liessen mich nicht mehr los, sondern packten mich mehr und mehr, und immer erfasste ich diese vor Jahrtausenden gesprochenen Worte als unmittelbare Gegenwartsäusserung, so dass ich heute das Gefühl habe, mit dem fertigen Werk mitten in unserer Zeit zu stehen und ihr auf meine Art Ausdruck verschafft zu haben.

     Von diesen ersten Erlebnissen bis zum fertigen Werk verlief allerdings eine lange Zeitspanne. Es galt vorerst, aus den über 60 Kapiteln die wichtigsten Stellen herauszuschreiben: Es waren etwa hundert an der Zahl. Von diesen schied ich bald etwa die Hälfte aus und suchte den Rest in einen innern Zusammenhang zu bringen. Dies gelang mir nur in den ersten Teilen einigermassen; über das weitere Schicksal des Textes war ich vorläufig noch im Unklaren. Indessen, mochte ich mit der musikalischen Skizzierung nicht länger warten. Schon früher (1932) war als Ergebnis meiner ersten nähern Bekanntschaft mit dem Propheten Jesaja eine A-cappella-Fassung des Einleitungschores, dem das Luthersche "Deutsche Sanktus" zugrunde gelegt ist, entstanden. Nun folgten Skizzen zum zweiten Teil und zu, Stücken aus dem vierten und fünften Teil (1933).

     Da geschah im Sommer 1933 etwas Unerwartetes. Wie ich mich zur endgültigen Bereinigung des übrigen Textes anschicken und die vielen dazugehörigen thematischen Aufzeichnungen ebenfalls ausführen wollte, erfolgte plötzlich ein jäher Abbruch; von einem Tag auf den andern musste ich wegen schwerer Krankheit meine Tätigkeit niederlegen. Wenn ich auch in jener Zeit nicht untätig war, so legte ich doch den Jesaja vollständig, innerlich und äusserlich, beiseite.

     Wie ich dann ein Jahr später den Entwurf wieder hervorholte, wurde mir die Textgestaltung völlig klar. Ich stellte vorerst den Text in einige gedanklich zusammengehörige Gruppen zusammen und konnte nun für jeden Teil nach rein musikalischen Gesichtspunkten die engere Wahl treffen. Die zuerst unübersehbare Fülle kam mir bei dieser Auswahl in günstigster Weise zustatten, indem ich z.B. von verschiedenen Formulierungen desselben Gedankens die Fassung wählen konnte, die einer musikalischen Bearbeitung am besten entsprach. Jeder einzelne Teil erhielt durch einen Choral eine dichterische und musikalische Zusammenfassung. Diese Lösung der Textfrage war für mich ein "Ei des Kolumbus": Gedanklich und musikalisch hatte der Text nun seinen Aufbau, und bei der nachfolgenden Vertonung fühlte ich mich durch seine Anordnung nie im geringsten gehindert. Die musikalische Ausarbeitung liess nun auch nicht mehr auf sich warten. In etwa sechs Wochen war das ganze Werk skizziert; und wenn auch diese Skizzen zum Teil nur in der Fixierung von einer oder zwei Stimmen oder einigen Akkorden bestanden, so enthielten sie doch schon das Wesentliche des späteren Werkes und erfuhren in der nachfolgenden Ausarbeitung auch nur ganz unbedeutende Änderungen. Nach einem Ferienunterbruch von sechs Wochen folgte gegen Herbst 1934 eine ausführlichere, orchestrierte Skizze und zuletzt die wirkliche "schwere" Arbeit:

     Die Reinschrift der Partitur, deren Vollendung mich neben der inzwischen wieder aufgenommenen beruflichen Tätigkeit bis in den Sommer 1935 beschäftigte".

(Zitiert von: Basel Sinfonietta Archiv, www.baselsinfonietta.ch)

 
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